Stellungnahme der Landesarbeitsgemeinschaft ASD in Hamburg* zur Jugendhilfeinspektion

Die Jugendhilfeinspektion (JHI) wurde ins Leben gerufen als Teil diverser Maßnahmen zur Verbesserung des Kinderschutzes in Hamburg. Gemeinsam mit dem Qualitätsmanagement-System (QMS) sollte die JHI zur Sicherung und Förderung guter Fachpraxis beitragen (siehe Konzept JHI).
Die Jugendhilfeinspektion war als Regelinspektion für alle Hamburger Jugendämter konzipiert. Ein anlassbezogenes Tätigwerden der JHI war in der Konzeptentwicklung nicht mitgedacht und wurde erst im Nachhinein ins Konzept aufgenommen.
Im Konzept ist neben dem Aspekt der Kontrolle der Einhaltung von Standards und Regeln ausdrücklich benannt, dass auch Strukturen untersucht werden sollen im Hinblick auf die Frage, welche Faktoren gute Fachpraxis fördern oder hemmen. Letzteres könnte insbesondere im Hinblick auf QMS, in dem Abläufe und Regeln beschrieben und damit auch manifestiert werden, aus Sicht von Fachkräften gewinnbringend sein. In diesem Sinne könnte die JHI im Rahmen des gültigen Konzeptes einen Beitrag leisten, die vorhandene Überkomplexität der Vorgaben, Standards und Regeln darzustellen und dadurch für Reduktion von Komplexität sorgen, wo dieses dringend geboten wäre. Dieser Aspekt ist leider im Verlauf der Implementierung verloren gegangen oder zumindest für Fachkräfte nicht spürbar.
Dann geschah der tragische Todesfall Yagmur, der von den Medien entsprechend skandalisiert wurde, mit der Forderung nach der Benennung von Schuldigen und Konsequenzen. Die BASFI und in nachfolgenden Fällen auch die Senatorin nahmen vorgezogene Schlussfolgerungen vor zuungunsten der ASD-Mitarbeiter/innen: „Regeln wurden nicht eingehalten.“ Man beugte sich dem Mediendruck und veranlasste eine anlassbezogene Prüfung im Schnellverfahren durch die JHI. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurden die vielfältigen Unzulänglichkeiten der JHI offensichtlich.
Während Regelinspektionen eine Organisation im Gesamten in Betracht ziehen sollen, untersucht die anlassbezogene Inspektion einen im Ergebnis negativ verlaufenen Einzelfall. Da es im Falle kritisch verlaufener Fälle in der Hamburger Praxis immer sehr schnell um politische Aufklärung geht, wird hier die JHI -gewollt oder ungewollt- zu einem politischen Instrument. Unter diesen Vorzeichen ging es nicht mehr um Fachlichkeit, Beziehungsarbeit, Fallverstehen unter den vielfältig belastenden Arbeitsbedingungen im ASD. Denn sonst hätte die JHI als Organ der Fachbehörde diese selbst hinterfragen müssen. In der Öffentlichkeit wurde aber lediglich die Verantwortung der Fachkräfte dargestellt und ihnen vorgeworfen, einige der zahllosen Vorschriften nicht eingehalten zu haben.
Weder die Eltern oder deren belasteten Lebensbedingungen, noch die Strukturen der Jugendhilfe waren das Thema, ebenso wenig wie der Sinngehalt der Vorschriftenberge, sondern das Handeln der zuständigen ASD-Fachkraft. Die ASD-Fachkraft, die in einem Bereich mit vielen Unwägbarkeiten arbeitet, was sich medial schwierig darstellen lässt, wird zusätzlich belastet durch die Schelte der JHI und der Medien. Wenn man die Situation von Klient/innen und Adressat/innen des ASD vor und nach der Einführung der JHI beschreiben will, kann folgendes Zitat aus einem Abschlussgespräch im ASD die Verunglimpfung der Sozialen Arbeit durch die JHI verdeutlichen: „Ich wäre ja schon viel früher zu Ihnen in die Beratung gekommen, aber durch die Pressemitteilungen und was man sonst so von Ihnen hört, traut man sich ja gar nicht mehr zu kommen. Ich hatte kein Vertrauen in Sie und hatte sogar eher Angst um mein Kind und hatte nicht den Eindruck, dass Sie mir helfen könnten.“
Bewertungen durch die JHI, die insbesondere bei anlassbezogenen Prüfungen von der Presse gerne als neuer Beweis für das Scheitern des ASD genommen werden, leisten einen nicht unerheblichen Beitrag zur Demontierung des ASD. Zumal Berichte vorab der Presse zugespielt und staatsanwaltliche Ermittlungen nicht abgewartet werden. Von einem Mitglied des Familienausschusses war zu hören, die JHI sei eben die einzige Quelle, aus der sich die Parlamentarier im Falle einer Überprüfung einen Eindruck verschaffen können. Wie der Alltag in der Praxis tatsächlich ist, könne man dagegen nicht wissen. Verfolgt man Diskussionen im Familienausschuss der Bürgerschaft ist dies deutlich spürbar, kaum jemand hinterfragt die BASFI-eigene Kontrollbehörde und es ist anzunehmen, dass die meisten der dort vertretenen Politiker/innen sich nicht ernsthaft mit schädlichen Folgen ihrer politischen Aufklärung für die Jugendhilfe auseinandersetzen.
Aus fachlicher Sicht ist die Aufklärungspraxis, wie sie in Hamburg bislang existiert, fatal. Statt für Sicherheit zu sorgen, wird demontiert und versucht, durch immer mehr Vorgaben und Regeln Risiken zu minimieren oder völlig zu vermeiden. Was nicht möglich ist, auch nicht durch noch so gute Soziale Arbeit. Tragische Kinderschutzfälle passieren in der Regel in Familien und in den oft prekären gesellschaftlichen Bedingungen in denen sie leben. Das fachliche Handeln in diesen Situationen, wie in der Sozialen Arbeit generell, ist nicht vollständig steuerbar, unabhängig davon wie viele Standards, Regeln und Diagnostikmodule es gibt.
Als Teil dieser kontraproduktiven Aufklärung ist die JHI aus fachlicher Sicht verbrannt. Die Skepsis von Mitarbeiter/innen des ASD ist aufgrund deren Erfahrungen verständlich und berechtigt. Im Ergebnis verhindert die JHI sinnvolle und dringend notwendige Aufarbeitung kritischer Fallverläufe, welche im Rahmen von Qualitätsentwicklung und Personalfürsorge dringend erforderlich wäre. Schließlich sind die beteiligten Fachkräfte an erster Stelle auf sachgerechte, professionelle und faire Aufarbeitung angewiesen, um in ihrem herausfordernden Job auch nach erlebten negativen Fallverläufen weiter existieren zu können.
Nach dem angerichteten Schaden, den die anlassbezogenen Inspektionen der Hamburger Jugendhilfe zugefügt haben, ist eine dem ursprünglichen Konzept entsprechende Regelinspektion für die Weiterentwicklung guter Kinderschutzpraxis in höchstem Maße in Frage gestellt.
Es gibt in Hamburg keine Instanz, welche wirksam den vorhandenen Regulierungswahn in Frage stellen könnte. Wobei es bei dem in Frage stellen nicht um einzelne Instrumente und Vorgaben geht. Jede einzelne Vorgabe und jedes Instrument kann einzelfallbezogen sehr sinnvoll sein. Nur muss die Entscheidung darüber, welche Methode/welches Instrument angewandt wird, fachlich entschieden werden und hängt vom Einzelfall ab. Hinzu kommt die Notwendigkeit angemessener personeller, zeitlicher und technischer Ressourcen. Wenn hier permanenter Mangel besteht, können Prioritäten nicht fachlich getroffen werden. Würde die JHI an diesem Punkt ansetzen, könnte sie ein sinnvolles Instrument sein.
Es geht zunächst einmal darum, dieses Kooperations-und Kommunikationsdilemma zugunsten von Fachlichkeit und letztendlich Kinderschutz aufzulösen. Dabei hilft es sicher auch nicht, den aktuellen Status Quo der JHI mit einem Hamburger Ausführungsgesetz weiter zu zementieren, anstatt die Empfehlungen der laufenden Enquetekommission zur Ausgestaltung einer JHI abzuwarten.
Eine JHI, die an ihrer ursprünglichen Gründungsidee ansetzt, muss zunächst einmal unabhängig von der Fachbehörde/BASFI sein. Sie muss auch das Vorgabenwerk der BASFI, das PC-Programm JUS-IT und die Voraussetzungen für ein fachliches Fallverständnis hinterfragen. Eine JHI muss ihren Schwerpunkt deutlich weniger auf Kontrolle eines in sich fragwürdigen Regelwerks legen, sondern vielmehr einen offenen Dialog auf Augenhöhe zwischen der ASD-Basis und der Fachbehördenleitung organisieren, moderieren und fachlich begleiten. Nur aus einem derartigen Dialog können auch Standards entstehen, die fachlich anerkannt, akzeptiert und in der alltäglichen Arbeit auch gelebt werden. Je besser dieser Prozess konzipiert, ausgestaltet, evaluiert sowie behörden- und hierarchieübergreifend getragen wird, desto weniger braucht es am Ende eine Inspektion/Kontrolle.
Bei anlassbezogenen Prüfungen erwarten die ASD-Mitarbeiter/innen, dass dies durch eine externe Begutachtung erfolgt, wie sie in anderen Bundesländern erfolgreich praktiziert wird.
Eine Jugendhilfeinspektion, die dieses nicht leisten kann,

  • ist in erster Linie ein Legitimationsinstrument für Medien und Politik für Schuldzuweisungen
  • sorgt für Druck, Angst, Verunsicherung beim ASD, mit einer Tendenz zu mehr Eigenschutz vor Kinderschutz bei den Fachkräften,
  • sorgt für mehr Inobhutnahmen, für mehr zerrüttete Familien und letztendlich auch für deutlich mehr Kosten

So wie die Jugendhilfeinspektion organisiert, strukturiert und fachlich besetzt ist und vom ASD in ihrer Arbeit wahrgenommen wird, kann sie keinen konstruktiven Beitrag zur Jugendhilfe leisten. Sie wird dann weiterhin im ASD als ‚Jugendhilfeinquisition’ bezeichnet mit den entsprechenden negativen Auswirkungen.
Der Sprecherrat der LAG ASD Hamburg
Kontakt über:
lag-asd-hh@web.de
verabschiedet am 21. Juni 2017

* Die LAG ASD-Hamburg wird getragen von den Berufsorganisationen ASD-Vernetzungstreffen, DBSH, ver.di. und der Ev. Fachhochschule und der HAW.