Kinderschutz und seine Risiken

Was ist da los im Kinderschutz in Hamburg? Nachdem sich viele auf den Weg gemacht haben, viele Dinge zu verbessern, viele Regelungen überarbeitet wurden, ein Qualitätsmanagement große Fortschritte macht, es diverse Optimierungen an der viel beklagten und sehr teuren Software JuS-IT gegeben hat, stirbt wieder ein Kind.

Tragisch

SpielplatzTragisch für das Kind und sein Umfeld, tragisch für den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), tragisch für die Politik; Für die neue Sozialsenatorin und damit politisch Verantwortliche ist es eine riskante Situation. Die Medien zeigen die Tragik deutlich auf. Sind Kinder in Hamburg sicher? Diese Frage steht deutlich im Raum. Verfolgt man die Medien und die Diskussion im Fachausschuss der Bürgerschaft vermittelt sich folgendes Bild: Es gibt gute Regeln und Standards, es hapert an der Einhaltung und Akzeptanz. Somit ist die Frage der Schuld quasi geklärt: Die Fach- und Leitungskräfte des ASD sind schuld! Tragisch!
In der öffentlichen Wahrnehmung spielt es kaum noch eine Rolle, dass die direkte Schuld am Tod von Tayler diejenigen tragen, die ihn tödlich verletzt haben. Der ASD hätte verhindern müssen, dass es dazu kommen konnte. Jedoch: Die Klärung von Schuld ist Sache der Staatsanwaltschaft. Ohne Zweifel ist es Ziel und Aufgabe des ASD, Kinder zu schützen. Hierfür bedienen sich die Fachkräfte der vorgegebenen Standards und in hohem Maße ihrer fachlichen Einschätzung, die immer eine wesentliche Ergänzung der Standards darstellt. Auch die besten Standards können diese fachliche Entscheidung nicht ersetzen. Und auch die besten Standards nehmen nicht das Risiko, falsche Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen – wie die einer Rückführung – finden aufgrund einer Prognose in die Zukunft statt. Sicherheiten und Risiken können nur eingeschätzt werden. Eine Sicherheit, dass das Vorhergesehene eintritt, gibt es nicht und wird es nicht geben. Auch wenn der ASD nach allen Regeln der Kunst fachlich richtig arbeitet, können Kinder sterben. Sicher ist es richtig, dass es für das Prozedere des Entscheidens Standards gibt. Auch ist es richtig, dass Entscheidungen im ASD als Teil von Verwaltung nachvollziehbar sein müssen. Das war im Fall der Rückführung von Tayler laut des Berichts der Jugendhilfeinspektion nicht durchgängig gewährleistet. Das ist nicht gut. Die Prüfer schließen aus einer nicht nachvollziehbaren Entscheidungsfindung, dass Risiken nicht gegeneinander abgewogen wurden – dies erscheint uns verkürzt. In der Außendarstellung ist diese These ebenso gefährlich wie das Auslassen guter Abwägung inklusive derer Dokumentation und damit Nachweisbarkeit.

Verunsicherung des ASD

Diese Annahme und vor allem deren einseitige Diskussion schwächt in gefährlicher Weise den Dienst, der für die Sicherheit von unglaublich vielen Kindern sorgt – meist erfolgreich und meistens unter Einhaltung vieler Standards und sicher häufig auch bei Auslassung einiger Standards. Gründe dafür sind vielfältig. Die Standards und Regelungen sind an vielen Stellen sinnvoll, an vielen Stellen aber nicht vollständig passend für den Einzelfall. In der Diskussion über gelungenen oder misslungenen Kinderschutz sollte nie ausgelassen werden, dass die Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien vielfach komplexer sind als der Versuch diese zu strukturieren. Um das hinzubekommen, ist Fachlichkeit gefragt. Denn das beste System von Qualitätsmanagement nützt in komplizierten, widerständigen und „regelwidrigen“ Familien nichts, wenn die Fachkraft im ASD es nicht schafft, sich der Komplexität der Familie anzunehmen, diese zu verstehen und daraus in Zusammenarbeit mit den Familien notwendige Veränderungen einzuleiten. Zugang bekommt eine Fachkraft häufig erst dann, wenn sie die Sicherheit des Regelwerkes verlässt und in Beziehung geht.

Kinderschutz ist Risiko

Kinderschutz fängt an, wo Unsicherheit herrscht und endet erst, wenn Sicherheit hergestellt ist. Das bedeutet, Kinderschutz ist Risiko und findet statt in der Krise. Krisen zeichnen sich dadurch aus, dass normative Systeme versagen. Die Idee, Sicherheit durch normative Systeme herzustellen, kann höchstens punktuell greifen. Insofern ist auch die These sehr fraglich, ob bei Einhaltung aller Regeln Sicherheit hergestellt werden könne. Deshalb stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, die Aufklärung eines tragischen Falls – wie dem von Tayler – auf die Prüfung zu begrenzen, welche Regeln eingehalten wurden oder eben nicht.

Was kann helfen?

Ein totes Kind kann nicht wiederbelebt werden. Was aber ins Leben gerufen werden kann, ist eine Kultur von Risikomanagement, welches diesen Namen verdient. Dieses setzt die Anerkennung voraus, dass die Arbeit im Kinderschutz ein Hochrisikobereich ist, die nur bedingt regelbar ist – und schon gar nicht sicher sein kann. Standards und Regeln müssen daraufhin überprüft werden, ob sie krisentauglich sind. Das bedeutet, sie müssen möglichst gut anwendbar sein. In Krisen muss es darum gehen, die Krise zu lösen. Das passiert auf der Handlungsebene und nicht abstrakt. Ca. 180 Dokumente, verteilt auf ca. 700 Seiten Anlagenband, und im Fall Tayler 34 zu befolgende Regelungen, verteilt auf mindestens 3 Orte, haben eher den Effekt vom Kern des Themas abzulenken als Sicherheit für die Beteiligten zu bieten. Kindeswohlgefährdung findet vor allem im undefinierten Bereich statt. Es kann ein Ansatz sein, alle undefinierten Lücken mit Regeln zu füllen. Das Leben ist aber bunter als ein Anlagenband oder Qualitätsmanagementsystem es jemals sein können. Also kann es nur darum gehen, Sensibilität für die Lücke zu entwickeln. Und genau da ist Professionalität im Sinne sozialpädagogischer Schlüsselkompetenzen mehr gefragt als Regeln und Standards. Es geht darum, die unbequemen Fragen zu stellen, die eigentlich niemand stellt. Weil sie sich nicht gut anfühlen und vielleicht den Kern treffen. Es geht um das Hinterfragen von Sicherheit. Stimmen die Aussagen der Familie? Ist es richtig, dass die Fachkraft der Familie glaubt? Oder geht die Fachkraft den Weg des geringsten Widerstandes? Gibt es blinde Flecken? Wenn wir Risiken aufspüren wollen, benötigen wir ein Klima, in dem Fragen gestellt werden, die sonst keiner stellt. Das gelingt nur dann, wenn der Rahmen sicher ist.

Wen schützen die Vorgaben?

Was derzeit wiederholt geschieht ist eine Verunsicherung von Fachkräften. Fluten von Vorgaben, fördern Druck und Angst etwas zu vergessen. In einer Atmosphäre von Angst funktioniert fachlich notwendiges Gespür nicht mehr. Dieses ist dann darauf ausgerichtet, sich selber zu retten. Das bedeutet, der Fokus im Kinderschutz wechselt vom Schutz des Kindes zum Schutz der Fachkraft. Im Ausschuss der Bürgerschaft geht es in der Folge vorrangig um die Tragbarkeit von Politikern, insofern also um deren Schutz. Das geht an der Sache vorbei. Wenn alle dabei sind, sich selber zu schützen, gerät das Kind aus dem Fokus.

Die Rolle der Politik im Kinderschutz

Politik ist an der Stelle gefragt, an der es um Politisches geht. Im Kinderschutz findet dieses zum Beispiel in der Abwägung der Diskrepanz zwischen den Kinderrechten und Elternrechten statt. Und Politik ist an der Stelle gefragt, an der es darum geht, zum Kinderschutz zu stehen und damit zu all seinen Risiken. Politik muss einen sicheren Rahmen schaffen für das Optimieren von Arbeit im Hochrisikobereich.

Der DBSH fordert…

Die Risiken im Kinderschutz zu benennen und zu bewerten, sollte dringend den Fachleuten überlassen werden.
Es braucht:

  • Eine selbstbewusste Profession, die ihre Schlüsselkompetenzen im Kinderschutz benennt und diese kontinuierlich qualifiziert
  • Krisentaugliche Regel- und Dokumentationssysteme, die Übersicht und Sicherheit bieten und die flexibel auf die jeweilige Situation anpassbar sind.
  • Zeit für die Beziehungsarbeit mit den anvertrauten Kindern und ihren Familien
  • Präsenz des ASD im Sozialraum, damit präventiver Kinderschutz gelingen kann
  • Eine Kultur, die ermutigt, Fehler zu erkennen und Unterstützung bietet, diese zu korrigieren. Dazu ist Rückendeckung durch Hierarchie und Politik unbedingt erforderlich.

DBSH, Landesverband Hamburg im März 2016