96,53 Prozent für Streik!

StreikDa auch nach fünf Terminen bei den Verhandlungen über Eingruppierungsverbesserungen im Sozial- und Erziehungsdienst keine Annäherung erreicht werden konnte, hat die Geschäftsführung der dbb Bundestarifkommission diese am 22. April 2015 in Berlin für gescheitert erklärt. Ferner beschloss das Gremium, bei den betroffenen dbb Mitgliedsgewerkschaften eine Urabstimmung über unbefristete Streiks einzuleiten. Damit ist die Bundestarifkommission der Empfehlung der dbb Verhandlungskommission für den Sozial- und Erziehungsdienst gefolgt.

Eindeutiges Votum – Streik gegen Stillstand!

Mit den 96,53 Prozent haben die Kolleginnen und Kollegen im Sozial- und Erziehungsdienst ein eindeutiges Votum abgegeben: Streik gegen Stillstand ist das Ziel, wenn demnächst Kolleginnen und Kollegen die Kitas oder die sozialen Einrichtungen ihrer Kommune geschlossen halten. Bis Montagmittag (4. Mai 2015) hatten die betroffenen Fachgewerkschaften des dbb Zeit, die Urabstimmung in ihren Reihen durchzuführen. Schnell wurde deutlich, dass die Bereitschaft, sich an dieser Abstimmung zu beteiligen, sehr hoch sein würde. Nun ist klar: Nicht nur die Beteiligung war hoch, auch das Ergebnis ist eindeutig. Es unterstützt die Position der dbb Verhandlungskommission, sich nicht mit Brotkrumen (siehe unten) abspeisen zu lassen, sondern umfassende Verbesserungen zu fordern. Wann der Streik beginnt und wo konkrete Aktionen geplant sind, ist in Kürze auf der Sonderseite des dbb zu den SuE-Verhandlungen sowie auf den Homepages der betroffenen Fachgewerkschaften nachzulesen.

Kein Angebot

Die Arbeitgeber haben bis zum Schluss kein Angebot zu grundsätzlichen Eingruppierungsverbesserungen der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst vorgelegt, sondern lediglich „Vorschläge“ zu punktuellen Verbesserungen einiger weniger ausgesuchter Bereiche vorgestellt.

Geringfügige Zugeständnisse für einzelne Berufsgruppen

Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) kann sich vorstellen, ein neues Tätigkeitsmerkmal für Erzieherinnen und Erzieher mit schwierigen fachlichen Tätigkeiten in einem pädagogischen Spezialgebiet wie zum Beispiel Inklusion, Sprachförderung oder musische Früherziehung einzuführen. Das neue Tätigkeitsmerkmal soll der Entgeltgruppe S 7 zugeordnet sein, was einer Entgelterhöhung bis zu 39 Euro gleichkommt. Anstatt sich der Diskussion über eine grundsätzliche Aufwertung des Erzieherberufs zu stellen, versucht die VKA durch geringfügige Verbesserungen, Verhandlungsbereitschaft zu suggerieren. Die Tatsache, dass viele Kommunen bereits jetzt Erzieherinnen und Erzieher ohne Sonder- oder Leitungsaufgaben übertariflich der S 8 zuordnen, anstatt sie in die S 6 einzugruppieren, zeigt, dass es auch im Interesse der Kommunen ist, über eine grundsätzliche Höhergruppierung nachzudenken.
Auch der Vorschlag zur Verbesserung der Eingruppierung von Kita-Leitungen erfasst nur diejenigen Beschäftigten, welche in Kita-Einrichtungen von unter 40 Plätzen beziehungsweise von 40 bis 70 Plätzen tätig sind. Alle anderen Kita-Leitungen finden sich in den Vorschlägen der VKA nicht wider. Von der vorgeschlagenen Einführung eines neuen Tätigkeitsmerkmals für Kita-Leitungen in Einrichtungen von mindestens 240 Plätzen, welches der S 18 zugeordnet werden soll, werden selbst nach Aussage der VKA sehr wenige Beschäftigte profitieren.
Veränderungsbedarf in den Werkstätten für behinderte Menschen sieht die VKA lediglich für die Werkstattleitungen. Für die übrigen Beschäftigten stellt die Arbeitgeberseite keinen Verbesserungsbedarf fest.
Die Sozialarbeiterinnen / Sozialarbeiter sowie Sozialpädagoginnen / Sozialpädagogen werden in dem „Vorschlag-Papier“ nicht einmal erwähnt. Auch in den Tarifverhandlungen hat die VKA Verbesserungen für diese Berufsgruppe kategorisch abgelehnt.
Die geringfügigen Zugeständnisse der Arbeitgeberseite bleiben weit hinter unseren Forderungen zurück. Die Kernforderung einer grundsätzlichen Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst ist dadurch in keiner Weise erfüllt. Obwohl wir mit der Arbeitgeberseite in den letzten Monaten über alle Berufsgruppen im Sozial- und Erziehungsdienst gesprochen haben, war die VKA bis Ende April nicht einmal in der Lage, uns ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen. Die Arbeitgeber haben von Anfang an erklärt, dass sie die Gewerkschaftsforderungen für „vollkommen unrealistisch“ halten und sind bis zum Schluss ihrer starren Haltung treu geblieben.

„Viel angestauter Frust!“

Interview mit dem dbb-Verhandlungsführer bei den SuE-Verhandlungen, Andreas Hemsing, zum Ergebnis der Urabstimmung und zum Streik
dbb: Andreas, bist Du überrascht vom eindeutigen Votum der Kolleginnen und Kollegen für einen unbefristeten Streik?
Hemsing: Vor ein paar Jahren hätte mich das noch massiv überrascht, jetzt nicht mehr. Und das hat einen Grund: Sowohl bei der Erziehung, als auch in der Sozialarbeit stellen die Beschäftigten fest, dass es dort zwei Paralleluniversen gibt. Da ist einerseits die Zunahme an Arbeit, Verantwortung und Anforderungen und andererseits der absolute Stillstand bei der Wertschätzung dieser Berufe. Bislang baute der Arbeitgeber darauf, dass sich der Unmut über den Ist-Zustand in Teambesprechungen oder Mittagspausen entlädt, aber nicht auf der Straße. Das wird sich jetzt ändern. Ich stelle fest, dass es nicht nur eine neue Generation ist, die nicht auf den Sankt Nimmerleinstag warten will, sondern dass auch die älteren Kolleginnen und Kollegen, die früher nie gestreikt hätten, nun streikbereit sind. Ansonsten wäre es auch nicht zu diesem klaren Votum gekommen.
dbb: Das Votum ist klar, aber wird die Streikbereitschaft auch von Dauer sein?
Hemsing: Dieser Streik ist ja nicht vom Himmel gefallen und als Funktionärsbeschluss den Beschäftigten aufgedrückt worden. Glaubt mir, gerade in diesem Bereich geht das nur gemeinsam und nur, wenn alle mitziehen. Wenn man es zynisch sehen will, kann man sagen, dass auch der Arbeitgeber „mitgezogen“ hat. Denn festzuhalten ist: Wir verhandeln seit Februar, wir haben fünf Verhandlungstermine gehabt und bis heute liegt uns kein verhandlungsfähiges Angebot vor. Das hat von einer zur anderen Verhandlungsrunde zu einem sich stetig anstauenden Frust geführt. Und genau der bricht sich jetzt in diesem Streik bahn. Wir haben jetzt einige Warnstreikaktionen mit sehr guter Beteiligung hinter uns. Ich bin zuversichtlich, dass wir jetzt auch einen respektablen Vollstreik hinlegen werden. Es wäre jedenfalls ein großer Irrtum der VKA, wenn sie unsere Aktionen einfach stoisch aussitzen wollte.
dbb: Die betroffenen Eltern werden kaum stoisch reagieren, zumindest auf die Dauer …
Hemsing: Wir sind uns im Klaren darüber, dass ein Streik im Bereich des Sozial- und Erziehungsdienstes Härten schafft, und nicht jeder hat eine Oma in der Reserve, die jederzeit einspringt und auf die lieben Kleinen aufpasst. Aber an genau diesem Punkt haben unsere Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren einen Prozess durchgemacht: Es hat sich immer stärker die Einsicht durchgesetzt, dass der Arbeitgeber genau darauf setzt, dass engagierte Erzieherinnen und gewissenhafte Sozialarbeiter niemals streiken würden.
Aber: Unsere Kolleginnen und Kollegen haben gelernt, dass ihr hohes Ethos nicht im Gegensatz zum Streik steht, dass es sogar zwingend erforderlich sein kann, für Arbeitsbedingungen zu streiken, die auch den Kindern in den Kitas zu Gute kommen. Bei den Eltern wird es sicherlich auch Unzufriedenheit über die Belastungen geben, die die Streiks verursachen. Aber wir setzen darauf, dass viele auch verstehen, dass gute Arbeit Wertschätzung und, konkret gesagt, eine passende Eingruppierung braucht. Wenn ich bedenke, wie hoch die frühkindliche Erziehung mittlerweile bewertet wird und wie akribisch viele Eltern den passenden Kindergartenplatz aussuchen, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass ihnen die Qualität der Erziehung egal ist. Und genau dafür streiten wir im Moment!

Der dbb hilft!

Unter dem Dach des dbb beamtenbund und tarifunion bieten kompetente Fachgewerkschaften mit insgesamt mehr als 1,2 Millionen Mitgliedern den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und seiner privatisierten Bereiche Unterstützung sowohl in tarifvertraglichen und beamtenrechtlichen Fragen, als auch im Falle von beruflichen Rechtsstreitigkeiten. Nur Nähe mit einer persönlichen und überzeugenden Ansprache jedes Mitglieds schafft auch das nötige Vertrauen in die Durchsetzungskraft einer Solidargemeinschaft.
Der dbb beamtenbund und tarifunion weiß um die Besonderheiten im öffentlichen Dienst und seiner privatisierten Bereiche. Nähe zu den Mitgliedern ist die Stärke des dbb. Wir informieren schnell und vor Ort über www.dbb.de, über die Flugblätter dbb aktuell und unsere Magazine dbb magazin und tacheles.
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