Eine Stadt sieht rot!

Kinderschutz in Gefahr

Gut fünf Monate nach dem tragischen Tod der kleinen    Yagmur laufen in Hamburg Bemühungen auf   Hochtouren, den Kinderschutz zu verbessern.

Neben der Einrichtung des Parlamentarischen   Untersuchungsausschuss werden mit hoher Frequenz    neue Maßnahmen entwickelt, die das Ziel haben, einen     weiteren Fall Yagmur (Chantal, Lara-Mia, Kevin,   Jessica,…) zu verhindern. Aufbauend auf den   identifizierten Fehlern werden auf mehreren Ebenen   Verabredungen getroffen und neue Richtlinien entwickelt. Umgesetzt werden müssen diese in erster Linie durch die Fachkräfte in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASDs) der Jugendämter der sieben Hamburger Bezirke. So sollen die Fachkräfte in Zukunft noch mehr und noch verbindlicher als bisher mit anderen Diensten und Institutionen kooperieren. Zu nennen sind Familiengerichte, Kinderärzte, Rechtsmedizin, Kindertagesstätten, Staatsanwaltschaft und weitere. Fachliche Entscheidungen der SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen der ASDs werden durch mehrere Ebenen hindurch kontrolliert, in Frage gestellt und /oder revidiert. Anforderungen an Dokumentation und Einhaltung aller Vorgaben werden schärfer als je formuliert und kontrolliert. Zusätzliche Ressourcen stehen bislang nicht zur Verfügung, wobei allseits bekannt ist, dass die ASDs schon jetzt am Rande des Kollapses stehen.

Im Bericht der Jugendhilfeinspektion wurde dem ASD noch pauschal die „Missachtung der Standards guter Sozialer Arbeit“ vorgeworfen. Nun sind diese offensichtlich nicht mehr gefragt. Fragt man Fachkräfte der Sozialen Arbeit und mit der Materie befasste Sozialarbeits-WissenschaftlerInnen nachdem, was der ASD für seine Arbeit essentiell benötigt, sind die Antworten relativ eindeutig: Zeit für den Kontakt mit Familien, Zeit für Diagnostik und kollegialen Austausch als Grundlage für teilweise hochbrisante fachliche Entscheidungen und eine Arbeitsatmosphäre, die es erlaubt, gute und schwierige Fallverläufe zu reflektieren und Fehler dafür zu nutzen, um aus ihnen zu lernen. Darüber hinaus brauchen Fachkräfte ein Dokumentationssystem, das fachliche Reflektion unterstützt und Transparenz und Übersichtlichkeit sicherstellt.

Tatsächlich passiert das Gegenteil. Kinderschutz im Hamburger ASD verkommt immer mehr zu einem Regelwerk, welches SozialarbeiterInnen Raum für fachliches Arbeiten nimmt, da sie in dem Wust von Vorschriften ohnmächtig Kreuze machen, statt sich damit auseinander zu setzen, welche Gefahren sich für Kinder hinter dem gefüllten Kühlschrank und dem einwandfreien Drogenscreening verbergen. Die Software JusIt bindet enorm viel Zeit und Ressourcen, ohne dass sie für Übersicht und Unterstützung von Fachlichkeit sorgt.

Die Software ist weit entfernt davon, papierbasierte Dokumentation ersetzen zu können und der Verzicht auf die papierbasierte Akte wäre beim derzeitigen Entwicklungsstand von JusIt unverantwortlich. Klarheit und Sicherheit im sozialarbeiterischen Handeln entstehen weder durch eine retrospektive Beweisführung durch die Gerichtsmedizin noch durch politisch motivierte Absicherungsmechanismen der Organisation oder neue den ASD lähmende Richtlinien.

Gefährdet sind hierdurch nicht nur die Standards von gutem Kinderschutz und der Rest an Motivation und Durchhaltevermögen der ASD-MitarbeiterInnen, die seit Jahren darauf hoffen, dass irgendeine der zahlreichen Maßnahmen Arbeitsbedingungen erträglicher macht. Gefährdet sind die Kinder selber, welche sich auf die Kompetenz und das Engagement derer, die sie schützen sollen, verlassen müssen.

Aufgabe von Politik ist es, für Strukturen zu sorgen, welche qualifizierten Kinderschutz möglich machen. Was qualifizierter Kinderschutz ist, darüber gibt es ausreichend fachliche Expertise, welche auch in den Hamburger ASDs bekannt ist und nutzbar wäre. Statt für auskömmliche Ressourcen zu sorgen, die einen sinnvollen Rahmen für sozialpädagogische Fachlichkeit bieten, verbringen PolitikerInnen Monate damit, die Fehler, derer sich alle Beteiligten bewusst sind und die im Rahmen einer echten fachlichen Aufarbeitung realen Nutzen für die Weiterentwicklung des Kinderschutzes bringen könnten, der Öffentlichkeit samt neuer Maßnahmen der Abhilfe zu präsentieren.

Fachkräfte im ASD sperren sich nicht gegen Kontrolle und Analyse guter und schlechter Praxis, diese muss aber fachlich sein und neben dem sozialpädagogischen Handeln der Fachkräfte auch untersuchen, ob Strukturen und Rahmenbedingungen der Organisation den Anforderungen der Arbeit entsprechen. Eine qualifizierte Einschätzung kann nur durch Fachleute aus dem Bereich der Sozialen Arbeit erfolgen. D.h. die Definitionsmacht über die Profession muss der Profession obliegen.

Die Soziale Arbeit als Profession unterscheidet sich hierbei nicht von anderen Professionen wie z.B. Medizin, Architektur und Rechtswissenschaften. Was derzeit in Hamburg passiert, ist eine weitere Degradierung des wichtigsten Fachdienstes für den Kinderschutz und von Fachkräften, welche den Kinderschutz leisten sollen und dies täglich mit enormem Engagement und Anspruch an Qualität leisten.

Hamburg, den 15.05.2014
Verantwortlich für diese Stellungnahme zeichnet sich der
Landesverband Hamburg des DBSH e. V.