Kinderschutz – eine Sau wird durchs Dorf getrieben

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Tragischerweise ist es in Hamburg am 18. Dezember 2013 wieder zum Tod eines Kindes gekommen.
Yagmur wurde offenbar von ihrem Vater so stark misshandelt, dass sie an den Folgen gestorben ist.
Natürlich stellt sich unmittelbar die Frage, warum Yagmur trotz laufender Ermittlungen gegen die Eltern an diese zurückgegeben wurde, nachdem sie die ersten zwei Lebensjahre bei einer Pflegefamilie lebte.

In der Nachschau werden sich die an den Entscheidungen beteiligten und dafür verantwortlichen Professionellen diese Frage stellen und entsetzt sein, über die Folgen ihrer offensichtlich für das Kind falschen Entscheidungen, die nicht rückgängig zu machen sind. Entscheidungen getroffen wurden durch Fachkräfte und deren Leitungen in den verschiedenen ASDs, Familiengerichten, Ärzten, Anwälten, seitens der Pflegemutter, der Kita und vielen mehr. Für alle diese Beteiligten besteht ein großer Bedarf an Aufklärung. Sie alle sind Akteure eines Systems, welches an einer oder mehreren Stellen falsch entschieden hat und solche Fehler in Zukunft vermeiden sollte.

Neben aller Tragik des aktuellen Falls, zeigt sich die Stärke eines Systems auch daran, wie es Aufklärung leistet. Ob das System es schafft, die Kenntnisse und Gefühle, die gerade in so einem Fall wie dem Tod der kleinen Yagmur eine große Rolle spielen werden, zu verstehen und im Sinne einer Verbesserung des Systems nutzbar zu machen. Oder ob das System dafür sorgt, dass alle Beteiligten in eine Schockstarre oder einen Wettkampf verfallen nicht am Ende als Schuldiger der Öffentlichkeit serviert zu werden, damit diese sich wieder beruhigen kann. Mit letzterem ist weder dem toten Kind noch dem System geholfen, da es geschwächt wird.

Der Kinderschutz in Hamburg ist in Gefahr. Er ist in Gefahr, in eine politische Schlammschlacht zu geraten, in der es wenig um Verstehen geht, sondern darum, Verantwortlichkeiten zuzuschreiben und dieses im Wahlkampf nutzbar zu machen. Medien tragen ihren Teil dazu bei, das öffentliche Bedürfnis zu fördern, Schuldige ausfindig zu machen und anzuprangern. Das Jugendamt und der ASD scheinen sich dafür in besonderer Weise zu eignen. Es scheint fast normal, dass Menschen, welche weder das Arbeitsfeld noch die Prozesse im ASD kennen, sich kompetent fühlen, dieses zu bewerten und zu be- oder verurteilen. Dieses ist ein Spezifikum von Sozialer Arbeit, die offenbar dazu anregt, dass jedeR Interessierte schnell zum Experten wird. Zwar wird festgestellt, dass auch Institutionen wie das Familiengericht und die Staatsanwaltschaft am aktuellen Fallverlauf beteiligt waren, die Bewertungen über (Fehl-)Leistungen sind diesbezüglich aber äußerst zurückhaltend.

Dieses mag sinnvoll sein, sollte aber auch auf den Bereich des Jugendamtes und der Sozialen Arbeit übertragen werden. Evaluation Sozialer Arbeit und deren Bewertung muss von Fachleuten Sozialer Arbeit geschehen, wie dieses bei allen anderen Professionen auch geschieht. Fachliche Expertise ist ein wichtiges und notwendiges Medium der Aufarbeitung und Qualitätsentwicklung, nicht nur unter Ärzten und Juristen sondern auch unter Sozialarbeitern.

Alles andere schwächt Soziale Arbeit, schwächt das Jugendamt und schwächt den Kinderschutz.

Der Kinderschutz muss verbessert werden. Über dieses Ziel sind sich wahrscheinlich die meisten Personen, ob Bürger, Fachkräfte oder Politiker einig. Eine Verbesserung wird aber nicht eintreten können, wenn die Institutionen, die in erster Reihe für Kinderschutz zuständig sind, zu Getriebenen gemacht werden. Getrieben durch Angst, jetzt oder das nächste Mal schuld zu sein, durch immer neue Vorgaben und Dokumentationssystemen, die Schutz vermeintlich verbessern sollen. Gute Dokumentation ist wichtig. Auch darüber werden sich alle Beteiligten einig sein. Zum Einen erhöht sie die Übersicht, zum anderen ist methodische Dokumentation auch ein Teil von Fallarbeit und dient dem Verstehen und trägt somit zur Erhöhung von Handlungssicherheit bei. Vor der Dokumentation steht allerdings der Zugang zur Familie und zum Kind. Dieser braucht Zeit. Zeit für Vorbereitung, Zeit im Kontakt, Zeit Wahrnehmungen festzuhalten, zu bewerten und zu reflektieren, um daraus wieder Handlung abzuleiten. Das müssen die Fachkräfte in den ASDs leisten und dafür brauchen Sie Raum.

Neben Zeit brauchen Sie ein Arbeitsklima, indem es möglich ist, Wahrnehmungen zu besprechen und zu bewerten. Und sie brauchen die Sicherheit, dass sie Fehler machen dürfen ohne dafür an den Pranger gestellt zu werden. Fehler sind die beste Art zu lernen und je offener und konstruktiver mit kleinen Fehlern umgegangen wird, desto höher die Sicherheit, dass große Fehler im Vorfeld vermieden werden können.

Voraussetzung hierfür ist ein funktionierender ASD, der auch in der Öffentlichkeit als solcher wahrgenommen wird. Der beste und notwendige Garant für guten Kinderschutz ist ein stabiler ASD. Damit der ASD stabil werden kann, braucht es Behördenleitungen und Politiker, die hinter dem ASD stehen. Ihre Aufgabe ist es, den ASD so auszustatten, dass Arbeitsfähigkeit gewährleisten ist. Ausstattung, Dienstanweisungen und Richtlinien für die Arbeit der Fachkräfte müssen so abgestimmt werden, dass sie Handlungssicherheit erhöhen und zu bewältigen sind. Die Arbeit in den ASDs braucht einen instiututionellen Rahmen, welcher es den Fachkräften ermöglicht, sich mit ihm zu identifizieren und im Sinne guter Fachlichkeit weiter zu entwickeln. Das derzeitige Klima von permanenter Überforderung und mit jedem tragischen Fall von nicht geglücktem Kinderschutz wachsender Angst und Frust bedarf dringender Veränderung. Die Stadt Hamburg kann sich keine weiteren Fachkräfte leisten, welche aus Resignation und / oder Selbstschutz entscheiden, den ASD zu verlassen.

Der Kinderschutz und das System, welches diesen gewähren soll gehören auf den Prüfstand, nicht einzelne Akteure. Prüfen sollten nicht Politiker sondern Fachleute. Ziel sollte sein, den Kinderschutz an sich erhöhen und zwar auf allen Ebenen der Gesellschaft, die hieran beteiligt sind. Das Jugendamt und insbesondere der ASD sind ein zentraler Akteur, aber nicht der Einzige.

Diese dringend notwendige Aufgabe kann ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss (PUA) nicht leisten.

Zur Aufarbeitung des aktuellen Falles und Sicherstellung sowie Weiterentwicklung kinderschutzförderlicher Strukturen, sind folgende Maßnahmen sinnvoll:

  • Fachliche Aufarbeitung des tragischen Todesfalls durch ein Gremium von Experten und unter Beteiligung aller involvierten Akteure mit dem Ziel des Verstehens und Nutzbarmachung der gemachten Fehlern. Aufklärung bedeutet auch das Betrachten der Rahmenbedingungen, unabhängig vom Einzelfall.
  • Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Institutionen wie Jugendämtern und Familiengerichten
  • Diskretion seitens der Medien und der Öffentlichkeit. Rollende Köpfe erhöhen keinen Kinderschutz.
  • Fallzahlbegrenzung auf 28 Fälle pro Fachkraft im ASD.
  • Stärkung von Mitarbeitern in ihrer Fachlichkeit. Das heißt Anpassung von Richtlinien und Dokumentationssystemen auf ein sinnvolles und hilfreiches Maß und Stärkung von Methodenkenntnissen und Identifikation mit der eigenen Rolle.

  • Festschreibung von Kinderrechten in der Verfassung als gleichberechtigt und schützenswert gegenüber den Interessen von Eltern.
  • Deutliches Bemühen seitens der Politik und Behördenleitungen, das Image des ASDs in der Öffentlichkeit zu stärken.

Verantwortlich für diesen Beitrag zeichnet sich der Landesverband Hamburg DBSH