Geschlossene Unterbringung (GU) als sinnvolles Mittel der Jugendhilfe?

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Aufgeschreckt durch Artikel in der Taz sind aus Sicht des DBSH Landesverband Hamburg (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit) sofortige Maßnahmen zum Schutze der dort untergebrachten Jugendlichen zu treffen. Wenn nur Teile der Berichterstattung der Taz, die sehr gründlich recherchiert und damit glaubhaft erscheinen sich bewahrheiten, kann daraus nur die Forderung nach Schließung der Haasenburg und sofortiger Rückholung aller betroffenen Jugendlichen folgen. Davon ausgehend, dass die Einrichtung dauerhaft durch das Landesjugendamt Brandenburg kontrolliert wurde, ist davon auszugehen, dass die zuständige Aufsichtsbehörde den Schutz der Jugendlichen dort nicht ausreichend gewährleisten kann. Eine Unterbringung von Jugendlichen dort stellt somit keine Schutzmaßnahme, sondern eine Gefährdung für die dort befindlichen jungen Menschen dar.

Die weiterführende Frage, die sich stellt, ist, ob geschlossene Unterbringung (GU) überhaupt im Rahmen des Angebotskataloges der Jugendhilfe einen Platz haben sollte.

Die Frage der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von GU ist nicht einfach zu beantworten. Schließlich ermöglicht sie oft nach vielen gescheiterten Versuchen, dass Jugendliche überhaupt durch Jugendhilfe und ihren positiven Auswirkungen (Erleben von Rahmenbedingungen, Erleben durch Selbstwirksamkeit z.B. durch schulische Erfolgserlebnisse, Erleben von Beziehung, …) erreicht werden. Jugendliche, die sich jeder Betreuung auf welche Art auch immer entziehen, bevor sie ihre Vorteile für sich als solche erleben, stellen eine besondere Herausforderung für die Jugendhilfe und anliegende staatlichen Instanzen (Justiz, Psychiatrie) dar.

Per Gesetz hat Jugendhilfe die Aufgabe, alle Jugendlichen, also auch die schwierigen und scheinbar unerreichbaren zu erreichen und sie in ihrer altersgemäßen Entwicklung zu fördern und ihnen zu helfen, reife und selbstständige und selbstverantwortliche Persönlichkeiten auszubilden.

Dass dieses gelingt, setzt in der Regel ein Mindestmaß an Willen und Motivation voraus. Genau dieses wird aber aufgrund der Rahmenbedingungen von GU in der Regel ins Gegenteil verkehrt.

Die wenigsten Jugendlichen, die in Einrichtung mit freiheitsentziehenden Maßnahmen landen, haben sich dieses ausgesucht oder sind motiviert, dieses für sich als Chance zu nutzen. Nach einer Studie des DJI wandelt sich der Wille und die Motivation der Jugendlichen zum Teil nach einer gewissen Zeit in der GU, insbesondere dann, wenn sie aufgrund regelkonformen Verhaltens langsam kleine Freiheiten errungen haben. Dieses mag als Erfolg von Maßnahmen mit Phasen der Geschlossenheit gewertet werden. Zu hinterfragen ist jedoch, ob sich dieser Erfolg nicht auch eingestellt hätte, wenn die betroffenen jungen Menschen durch andere, nicht geschlossenen Betreuungssettings ebenfalls erreicht worden wären.

Wenn man sich Studien zu erlebnispädagogischen Intensivbetreuungen ansieht, kommen diese im Wesentlichen zum gleichen Ergebnis. Ähnlich wird die Bewertung von allen anderen Formen von Jugendhilfe aussehen, welche die Hilfeempfänger als Impuls für langfristig positive Veränderung erlebt haben. Insofern ist davon auszugehen, dass Erfolge von Jugendhilfemaßnahmen mit Elementen von freiheitsentziehenden Maßnahmen nicht zwangsläufig den Schluss zulässig machen, dass sie die einzig angemessene Hilfe sind. Insbesondere wenn man bedenkt, welche Gefahren die Form der GU mit sich bringt.

In aller Schärfe abzulehnen sind („Erziehungs“-)Methoden, die einzig darauf abzielen, den Willen des jungen Menschen zu brechen und die dabei auf Mittel der physischen und / oder psychischen Unterwerfung zurückgreifen. Solche Methoden sind entwürdigend und können durch (Re-) Traumatisierung zu erheblichen irreversiblen Schäden an der betroffenen Person führen. Diverse Berichte zeichnen ein Bild einer Anstalt, welche sich unter dem Deckmantel der therapeutischen Einrichtung über alle Grundsätze von Pädagogik hinwegsetzt. Jugendliche dort zu belassen oder weitere Jugendliche in die Haasenburg zu schicken erfüllt nach dem, was derzeit bekannt ist, den Tatbestand der groben Fahrlässigkeit. Sie stellen einen missbräuchliche Ausübung der Personensorge dar. Vor dem Hintergrund der erhobenen Vorwürfe, die in diversen Artikeln der Taz dargestellt wurden, kann eine Änderung der Konzeption und das Versprechen, auf einzelne besonders entwürdigende Methoden zu verzichten nicht ausreichen, um den Erhalt und die Notwendigkeit der Haasenburg zu rechtfertigen. Eine Einrichtung, die im Rahmen ihres Erziehungsauftrages die Anwendung von psychischer und physischer Gewalt nicht nur toleriert sondern zum Konzept macht, wird ohne ein Wechsel der kompletten Belegschaft und der Leitung bis in die obersten Ebenen nicht glaubhaft machen können, dass sie an ihrer Haltung gegenüber den ihnen anvertrauten Jugendlichen nachhaltig etwas verändert hätten.

Auch wenn davon ausgegangen wird, dass nicht alle Einrichtungen, welche freiheitsentziehende Maßnahmen in ihrem Angebotskatalog haben, derartig menschenunwürdige Konzepte verfolgen, weisen die anzunehmenden Missstände aus der Sicht des DBSHs auf eine allgemeine Gefahr dieser Form der Jugendhilfe hin. Freiheitsentziehung an sich stellt eines der schärfsten Mittel der Begrenzung in einem demokratischen Staat dar.

Jugendlichen wird hier in massiver Weise demonstriert, dass das System ihnen gegenüber übermächtig ist und der Weg aus der Geschlossenheit am ehesten funktioniert, wenn sie sich diesem System unterwerfen. Der Antrieb für eine eventuell positive Entwicklung ist deswegen eher die Angst vor Restriktion und nicht die Einsicht in positive Effekte von sozial erwünschtem Verhalten.

Solche Methoden gehören einer Zeit mit einem Menschenbild an, welches im radikalen Kontrast zum SGB VIII steht und mit dem gesetzlichen festgeschriebenen Ziel der Erziehung und Förderung einer reifen und selbständigen Persönlichkeit wenig zu tun hat.

Wenn hinzu kommt, dass in einer hohen Zahl der durch das DJI untersuchten Fälle ( die in anderen Einrichtungen als der Haasenburg untergebracht waren), die Rechte (zB Verfahrensbeistand, Gutachten) der betroffenen jungen Menschen beim Familiengericht nur teilweise oder verspätet eingeräumt wurden, ist dieses ein weiterer hochkritischer Aspekt, der dringender Überprüfung bedarf.

Jugendhilfe hat das Ziel und die Aufgabe, junge Menschen zu fördern und ihnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Hierzu gehört es, Jugendlichen die Spielräume und Grenzen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu vermitteln. Es ist nicht Aufgabe von Jugendhilfe, das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Sicherheit vor extrem schwierigen Jugendlichen zu erfüllen. Dieses ist im Rahmen der Gesetze Aufgabe der Justiz. Ebenfalls begrenzt sind die Handlungsmöglichkeiten von Jugendhilfe bei psychischen Störungen, die psychiatrischer und / oder therapeutischer Behandlung bedürfen. Natürlich sind die Übergänge oftmals fließend.

Insbesondere bei schwer erreichbaren Jugendlichen, die aufgrund von schwierigem Verhalten, Gewalttaten oder selbstverletzendem bzw. -zerstörerischen Verhalten auffallen, ist gute Kooperation notwendig, um Hilfeverläufe gut und erfolgsversprechend zu gestalten. Jugendhilfe ersetzt keinen der anderen Bereiche, sie hat ihre eigenen Aufgaben und ihre eigenen Stärken. Per Gesetz gibt es ein großes Spektrum an Hilfsmöglichkeiten, die es ermöglichen, auf den Einzelfall abgestimmte Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Diese Möglichkeiten gilt es auszuschöpfen. Gerade bei schwierigen Jugendlichen, die schwer greifbar sind, braucht es individuell angepasste Hilfeformen und Rahmenbedingungen. Betrachtet man die Kosten für geschlossene Heime, gibt es durchaus noch Spielraum für die kostenneutrale Entwicklung passgenauer Hilfen. Die meisten Wohngruppen und Lebensgemeinschaften sind mit Jugendlichen überfordert, die es trotz vieler Angebote nicht schaffen, sich in eine Gruppe integrieren zu lassen. Junge Menschen, die im Laufe ihrer Biographie gelernt haben, dass Vertrauen, vor allem zu Erwachsenen immer in Enttäuschung und Verletzung endet, provozieren mit ihrem Verhalten oft den Rauswurf bevor Beziehungen zu eng werden und sie erneut enttäuscht werden. Geeignete Formen der Betreuung zu finden ist schwierig und bedeutet hohen zeitlichen und fachlichen Aufwand und vor allem die Fähigkeit bei Erwachsenen und beim System, viel auszuhalten. Viele dieser jungen Menschen benötigen wahrscheinlich einen anderen Rahmen als den der Gruppe, um freiwillig und durch positive Erfahrung zu lernen, dass es Erwachsene gibt, denen man Vertrauen kann und dass auch Sie es schaffen können, durch eigenes Handeln, positive Resonanz und damit Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Diese Angebote zu schaffen ist eine Aufgabe für die Jugendhilfe in enger Kooperation mit der Jugendsozialarbeit und der Psychiatrie und (bei straffälligen Jugendlichen) der Jugendgerichtshilfe.

Neben dem Verstehen, was die Jugendlichen mit ihrem Verhalten zeigen und herausfordern, benötigen die Fachkräfte im ASD Angebote, die in der Lage sind, mit solchen Jugendlichen in Kontakt und Beziehung zu gehen.

Solange es die Möglichkeit gibt, Jugendliche im geschlossenen Heim unterzubringen, ist anzunehmen, dass die Bereitschaft und Möglichkeit, andere geeignete Betreuungsformen zu finden, begrenzt sein wird. Für die ASDs bedeuten sie extremen Aufwand, für die aufnehmenden Träger ein hohes Risiko. Sicherheit für Gelingen einer Maßnahme gibt es nicht, erfolgreiche Verläufe eignen sich wenig für mediale Aufmerksamkeit. Scheitert Jugendhilfe an ihrer Aufgabe, ist die Gefahr zerrissen zu werden allerdings groß, mit allen negativen Folgen für den jungen Menschen selber, die Einrichtung und den ASD.

Insbesondere in Hamburg ist das Angebot an individualpädagogischen Maßnahmen sehr eingegrenzt, da der hierfür vorgesehene § 35 im Regelfall als trägereigener Wohnraum konzipiert wird und eben nicht genutzt wird als gesetzliche Grundlage zur Konzipierung individuell angepasster intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung. Die Folge ist eine sehr standardisierte Angebotslandschaft und wenig Anreiz für Träger, individuelle Hilfen für individuelle Bedarfe zu konzipieren. Entsprechende Leistungsvereinbarungen sind in Hamburg schwer abzuschließen, entsprechend klein ist das Angebot.

Voraussetzung für passgenaue Jugendhilfe gerade bei den jungen Menschen, für die es scheinbar nichts Passendes gibt, ist eine mutige Politik. Notwendig ist das Eingestehen möglichen Scheiterns und die Unmöglichkeit von Herstellung hundertprozentiger Sicherheit. Wo es schief geht, ist es Aufgaben aller Beteiligten aus Fehlern zu lernen.

Geschlossene Unterbringung als Reaktion auf schwierige Jugendliche und / oder gescheiterte Jugendhilfe ist ein Irrweg und keine Lösung. Sie ist der Versuch, auf individuelle Problemstellungen eine einheitliche, scheinbar sicherere Lösung zu bieten. Der Preis dafür ist die Aufgabe eines wesentlichen Teils der lange errungenen Stärken von Jugendhilfe, die auf Freiwilligkeit, Partizipation und Ausbildung reifer Persönlichkeiten ausgerichtet ist. Diese Errungenschaften zu wahren und auszubauen ist Aufgaben von Politik und Fachwelt. Damit dieses gelingt ist intensiver Dialog zwischen Politik und Fachleuten der Jugendhilfe und ihrer angrenzenden Fachgebiete notwendig. Weiterhin notwendig ist der Mut, kreative Wege zu beschreiten, um für individuelle Problemlagen passgenaue Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln und umzusetzen.

Für den Landesvorstand, Siggi Zielke

Quellenangaben:

Hoops, Sabrina; Permien, Hanna: „Mildere Maßnahmen sind nicht möglich!“- Freiheitsentziehende Maßnahmen nach § 1631b BGB in Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie. Herausgegeben vom DJI, München 2006

Permien, Hanna: Erziehung zur Freiheit durch Freiheitsentzug? – zentrale Ergebnisse der DJI-Studie „Effekte freiheitsentziehender Maßnahmen in der Jugendhilfe“. Herausgegeben vom DJI. München 2010

Klawe, Willy im Auftrag der AIM Bundesarbeitsgemeinschaft Individualpädagogik e.V.. Köln 2010

Die Tageszeitung: Diverse Artikel von Januar bis Juni 2013: http://www.taz.de/Artikel-Suche/!s=Haasenburg/