Stellungnahme zur aktuellen Jugendpolitik in der Stadt Hamburg

Der tragische Tod der 11-jährigen Chantal bewegte und bewegt seit Beginn dieses Jahres viele Menschen. Die Diskussion über das Versagen des zuständigen Jugendamtes und des Systems ist ziemlich aufgeheizt. Auffällig ist dabei, wie wenig die Diskussion sach- und fachgeleitet ist. Dieses aber wäre notwendig, um tragische Fälle nutzbar zu machen, für die eventuell notwendige Verbesserung von Leistungen, die durch die Jugendämter und die von ihnen beauftragten freien Träger erbracht werden. Genauso wie es notwendig ist, die vielfach gut funktionierende Praxis zu analysieren und diese weiter auszubauen. Diese Analyse ist Aufgabe von Fachkräften aus der Wissenschaft, gemeinsam mit den Fachkräften aus der Praxis. Medien kommt hierbei die Rolle zu, Skandale aufzudecken und Missstände aufzuzeigen (und im besten Fall auch Beispiele gut funktionierender Systeme aufzuzeigen), nicht aber deren Auflösung.
Wenig hilfreich ist in dieser Situation ein Sozialsenator, der anscheinend ohne Kenntnis der Details behauptet, dass die Jugendämter gut ausgestattet wären und Fehler in der Zukunft dadurch vermieden werden, dass Pflegefamilien fortan einen negativen Drogentest nachweisen und die Jugendämter besser kontrolliert werden müssen. Dieses lässt sich sehr leicht verstehen als Behauptung, dass es wohl an dem Versagen der jeweiligen Fachkraft / Fachkräfte gelegen hat, wenn ein tragischer Fall wie der von Chantal eintritt und dass ein Drogentest in Zukunft weitere tragische Fälle wie diesem verhindern können. Auch wenn menschliches Fehlverhalten, insbesondere fehlerhafte oder unvollständige Einschätzung der Lebenssituation von dem Mädchen eine Ursache waren, greift die Schuldzuweisung an die einzelnen Personen oder Einrichtungen entschieden zu kurz. In Anbetracht der teilweise nicht verantwortbaren Arbeitsbedingungen und realen personellen Ausstattungen in vielen Hamburger ASD-Dienststellen ist die für viele junge Menschen notwendige engmaschige Begleitung nicht möglich.
Auch gut ausgestattete ASDs werden nicht verhindern können, dass immer einige Kinder und Jugendliche unter schwierigen und teilweise gefährlichen Lebensbedingungen leben müssen, ohne dass sie die notwendige Hilfe bekommen. Wenn allerdings Missstände bekannt werden, können entsprechend arbeitsfähige ASDs dafür Sorge tragen, dass Kinderschutz auf hohem Niveau stattfinden kann. Dieses passiert auch unter den gegebenen Umständen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, die von den Fachkräften der ASDs betreut werden (nur werden diese in der Regel nicht erwähnt).

Wenn Herr Scheele nun in Folge des Tods von Chantal eine regelmäßige und Kontrolle der Jugendämter der 7 Hamburger Bezirke einführen möchte, werden hier seitens des DBSH Hinweise gegeben, welche Dinge einer dringenden Überprüfung bedürfen:

  • Sind (unter der Berücksichtigung von oft langfristig unbesetzten Stellen und Langzeiterkrankungen) die ASDs personell wie strukturell so ausgestattet, dass sie arbeitsfähig sind und Kinderschutz und andere gesetzlichen Aufträge verantwortlich leisten können?
  • Wieviele Fälle mehr als 35 betreut eine ASD-Fachkraft? (35 ist die Fallzahl, die anhand der Standards, die für die Fallbearbeitung in Hamburg verbindlich vorgegeben sind, als angemessen bezeichnet wird)
  • Wer entscheidet bei höheren Fallzahlen pro ASD-Mitarbeiter darüber, welche Standards der Fallbearbeitung und welche Leistungen wegfallen und wer trägt die Verantwortung für diese Entscheidung
  • Welche Unterstützung brauchen die Fachkräfte des ASDs seitens der Team- und Jugendamtsleitung sowie der Politik, damit sie ihre komplexen Aufgaben verantwortungsvoll wahrnehmen können?
  • Sind fachliche und ökonomische Gesichtspunkte im Hamburger Kinderschutz tatsächlich ausgewogen ausgerichtet?
  • Woran scheitert die seit Jahren geforderte Fallzahlenbegrenzung pro ASD Mitarbeiter und damit die tatsächliche Formulierung von Qualitätsstandards?

Im Sinne einer Verbesserung der fachlichen Arbeit der ASD-Fachkräfte und des Kinderschutzes als deren hoheitliche Aufgabe scheint es auch dringend an der Zeit, valide Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche fachlichen Standards für die Arbeit mit jungen Menschen und ihren Familien für gelingende Unterstützung und die Gewährleistung des Kinderschutzes notwendig und sinnvoll sind. Die derzeitigen Vorgaben, die mit der Einführung von der Software JusIT an Bedeutung gewinnen, lassen darauf schließen, dass seitens der Fachbehörde davon ausgegangen wird, dass viele Daten, die von den sozialpädagogischen Fachkräften erhoben werden für viel Sicherheit bei den Adressaten, also den jungen Menschen und ihren Familien sorgen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Erhebung der verbindlich einzuholenden Informationen kaum Zeit für darüber hinaus gehende (Beziehungs-)Arbeit mit den Klienten lässt, muss von der Annahme ausgegangen werden, dass diese bislang praktizierte Form Sozialer Arbeit weitgehend ersetzt werden soll. Natürlich haben Sozialarbeiter auch bislang in Gesprächen Informationen mit Klienten über deren Lebenssituation zusammen getragen und diese als Grundlage genutzt, um über notwendige und geeignete Unterstützungsformen zu entscheiden. Es unterliegt bislang weitgehend der Einschätzung der Fachkraft, ob und welche Unterstützung in jeder individuellen Situation eingesetzt wird. Objektiviert wird die Entscheidung durch den Fachlichen Austausch in Form Kollegialer Beratung, Fachgesprächen und Beratung mit der Leitung. Fachlichkeit in der Sozialen Arbeit, insbesondere im ASD bedeutet die Fähigkeit, komplexe Lebenssituationen mit den Klienten gemeinsam zu erfassen, Ressourcen bewusst und nutzbar zu machen und neue zu aktivieren. Ziel von allen Hilfen ist es immer, dass Familien möglichst umfangreich dazu befähigt werden, ihr Leben ohne Hilfe zu bewältigen. Grundlage für die Erreichung positiver Veränderungen in Familien ist es, dass ein vertrauensvoller Kontakt zwischen Klient und Helfer besteht oder sich entwickelt. Der beste Kinderschutz findet dann statt, wenn Eltern es schaffen, vernachlässigte Verantwortung (wieder) zu übernehmen, so dass staatliches Eingreifen überflüssig wird. Dieses alles wird nicht durch die standardisierte Sammlung von Daten erreicht, sondern dadurch, dass Sozialarbeiter und Klient sich auf einen Arbeitsprozess einlassen. Dieses benötigt neben Fachlichkeit zeitliche Ressourcen. Wenn jedoch Zeit knapp ist und sozialpädagogische Fachlichkeit durch Software weitgehend ersetzt wird, wird die Arbeit mit Klienten schwierig und der Kinderschutz gerät in Gefahr.
Auch hieraus ergeben sich Hinweise auf Punkte, die bei einer Überprüfung der Dienststellen berücksichtigt werden sollten:

  • Haben die Fachkräfte in den ASDs ausreichend Zeit, um in eine Arbeitsbeziehung mit Klienten treten zu können, die positive Entwicklung im Sinne von Verantwortungszunahme von Eltern wahrscheinlich macht?
  • An welchen Stellen sollte die Software den Notwendigkeiten des sozialpädagogischen Handelns angepasst werden, damit sie unterstützend und nicht behindernd wirkt?
  • Welche der einheitlichen Standards sind sinnvoll und notwendig, um Qualität zu sichern und an welchen Stellen führen zu viele Standards zu Qualitätsverlust?
  • Wie kann man die Fähigkeiten in Bezug auf Fallarbeit von den KollegInnen nutzen, die eventuell mit der neuen Software überfordert sind und damit den Ausfall dringend benötigter erfahrener Fachkräfte verhindern?

Umstrukturierung der sozialräumlichen Hilfen zur Vermeidung weiterer Kostensteigerungen im Bereich der Hilfen zur Erziehung:
In der Kinder- Jugend- und Familienhilfe spielen die Sozialräume schon immer eine große Rolle. Sozialräume haben eine wichtige Bedeutung für die Sozialisation von jungen Menschen und tragen bei zur Kompetenzentwicklung oder Schwächung von Familien. Familien mit gut funktionierenden unterstützenden Netzwerken sind in den meisten Fällen besser und schneller in der Lage, Probleme zu bewältigen, während Menschen mit wenigen oder keinen positiven Außenkontakten eher gefährdet sind, dass Probleme keine konstruktiven Lösungen erfahren, sich verstärken und durch weitere Probleme verschärft werden.
Deshalb ist es wichtig, Sozialräume zu stärken und da, wo Menschen es nicht aus eigener Kraft schaffen sich zu vernetzen, sozialarbeiterisch tätig zu werden, um Selbsthilfepotentiale zu entwickeln und zu fördern. Dieses beinhaltet auch, Projekte vorzuhalten, welche leicht zugänglich sind, unkomplizierte Hilfe anbieten, bevor sich Probleme verfestigen und die Raum bieten für den Austausch und die Vernetzung der Menschen vor Ort. Zu nennen sind hier neben z.B. Sportvereinen, Kirchen, kulturellen Einrichtungen insbesondere auch Elternschulen, Familienzentren, Einrichtungen der Offenen Kinder-und Jugendarbeit. Solche niederschwelligen Angebote dienen nicht nur der Verbesserung der Lebensbedingungen von jungen Menschen und ihren Familien, sondern verhindern auch in vielen Fällen, dass sich individuelle Problemlagen verschärfen und so massiv werden, dass sie nachhaltig die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen erschweren und Hilfen zur Erziehung notwendig werden. Aufgrund der Ausweitung der Schulzeiten, verbunden mit der Idee einer ganzheitlicheren Bildung und Betreuung und der Ausweitung von Betreuungsangeboten im Kita-Bereich, kommen Schulen und Kitas hier ebenfalls eine wachsende Bedeutung zu.
Abgesehen von den Bereichen Kitas und Schule wurden die letzten Jahre leider immer weiter Kürzungen im Bereich der sogenannten freiwilligen Leistungen wie der offenen Kinder- und Jugendarbeit, den Elternschulen, kulturellen Einrichtungen, usw. vorgenommen. Sozialräume wurden dadurch nachhaltig geschwächt.
Derzeit tut die Stadt Hamburg als Vorreiter auf diesem Gebiet so, als ob es ihr Anliegen wäre, sozialräumliche Angebote auszuweiten. Die Realität sieht jedoch so aus, dass immer wieder kulturelle Zentren oder Einrichtungen der offenen Kinder-und Jugendarbeit geschlossen werden, da die Finanzierung bzw. Unterstützung seitens der Stadt eingestellt wird. Offensichtlich geht es nicht darum, Sozialräume zu stärken, denn dieses wäre unvereinbar damit, dass gerade wieder die Mittel für die Offenen Kinder- und Jugendarbeit um 10% gekürzt werden sollen. Ebenfalls kritisch zu sehen ist die Vorgabe der Globalrichtlinie für sozialräumliche Umsteuerung, in der deutlich geschrieben ist, dass Projekte, die sich nicht den Kriterien der Verbindlichkeit der SHA-Projekte anpassen, absehbar nicht mehr weiter finanziert werden. Insgesamt findet eine Ausdünnung der Hilfsangebote statt, in deren Folge es am Ende nach der Vorstellung der Fachbehörde weniger Hilfen zur Erziehung und weniger niederschwellige Angebote im Stadtteil geben wird.
Für die Schaffung sozialräumlicher Angebote, die das Angebot der Hilfen zur Erziehung sinnvoll ergänzen und in diversen Fällen auch solche verhindern können, bietet das SGB VIII bereits seit seiner Einführung eine gute Grundlage. Die Vorgabe, dass eine verbindliche Zahl von Hilfen in die sozialräumlichen Angebote umgesteuert werden muss, weicht den Rechtsanspruch den Eltern auf Hilfen zur Erzeihung gem. § 27 ff SGB VIII haben sowie das Wunsch- und Wahlrecht gem. § 5 SGB VIII auf und ist somit nicht hinnehmbar.
Als Grund für die Umsteuerung werden neben den Sparzielen (die natürlich nicht direkt genannt werden), angegeben, dass Hilfen im Sozialraum sowie solche, die in den Regelleistungen (Kita, Schule) geleistet werden, der Integration von benachteiligten jungen Menschen und deren Familien dienen soll. Wie Schulen und Kitas diese Aufgabe wahrnehmen sollen, ist zumindest bislang noch nicht geklärt. Klar ist hingegen, dass der Ausbau der Schulen und der Kitas Wahlprogramm mit hohen Folgekosten ist und somit an anderen Stellen gespart werden muss. Da bei Pflichtleistungen nicht gespart werden kann, fallen die freiwilligen Leistungen dem Rotstift zum Opfer und damit Sparvorhaben erreicht werden können, wird auch noch daran gearbeitet, den Anspruch auf Pflichtleistungen wie bei den Hilfen zur Erziehung auf kleinere Zielgruppen zu begrenzen.
Natürlich ist es begrüßenswert, wenn Schulen und Kitas besser ausgestattet und Voraussetzungen verbessert werden, damit der Bildungsauftrag ganzheitlich erfüllt werden kann. Wenn dieses allerdings zu Lasten sozialer Arbeit geht, deren Bedeutung und Notwendigkeit bei wachsenden Problemlagen der Gesellschaft (siehe Armutsentwicklung in Hamburg, prekäre Lebenslagen etc.) steigt, ist diese Entwicklung mehr als bedenklich.
Insofern weisen die Argumentationslinien der BASFI, welche Grundlage für die Veränderungen im Jugendhilfesystem sind, eklatante Fehleinschätzungen auf:

  • So wird unterstellt, dass Sozialpädagogische Familienhilfen weitgehend wenig bis gar nicht zur positiven Veränderung in schwierigen Familiensituationen, sondern sogar zur Isolation von Familien beitragen. Für diese Behauptung gibt es keine fachlich fundierte Grundlage. Außer Acht gelassen wird zudem, dass die fallbezogene Arbeit der sozialpädagogischen Familienhilfe schon seit Jahren einen klaren Bezug zum fachlichen Ansatz der Sozialraumorientierung hat und damit Zielsetzung im Rahmen der Hilfeplanung ist, welche durch das Jugendamt gesteuert wird.
  • Weiter geht die BASFI offenbar davon aus, dass die ASD-Fachkräfte den Trägern hilflos gegenüber stehen und es nicht schaffen, ihren Steuerungsauftrag wahrzunehmen. Folge seien übermäßig lange Hilfen ohne dass diese einen nennenswerten Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen leisten. Auch für diese Annahme gibt es keine nachvollziehbare wissenschaftliche Grundlage. Anzumerken ist allerdings, dass Hilfeplanung teilweise aufgrund von Überlastung der ASDs nicht in den vorgesehenen oder teilweise notwendigen Abständen erfolgt, da Kinderschutzaufgaben Priorität gegenüber der Steuerung von laufenden Hilfen haben. Zur Kenntnis genommen werden muss daher, dass eine fachlich legitimierbare Umsteuerung in Richtung sozialräumliche Hilfen und Angebote (SHA) nur mit einem verbesserten Personalschlüssel und einer Fallzahlenbegrenzung pro ASD Mitarbeiter in den ASD Abteilungen zu gewährleisten ist, die Zeit für die gesetzlich vorgeschriebene Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII lässt.
  • Inwieweit Schulen und Kitas den Unterstützungsbedarf, den bislang die Jugendhilfe geleistet hat, auffangen kann, ist bislang ziemlich ungeklärt.
  • Die immer weiter vorgenommenen Einsparungen bei zum Teil etablierten Projekten in den Sozialräumen werden langfristig mit hoher Wahrscheinlichkeit extreme Folgekosten verursachen.

Es ist dringend geboten, dass sich die Politik stark macht für eine fachlich fundierte Ausrichtung der Kinder- Jugend- und Familienarbeit. Die effizienteste Politik für Familien ist diejenige, die sich an fachlichen Standards und nicht an kurzfristigen Sparzielen oder öffentlichkeitswirksamen Wahlversprechen orientiert. Evaluation der Wirksamkeit von Hilfen im sozialen Bericht kann immer nur langfristig erfolgen.
Die ASDs benötigen für ihren extrem schwierigen Auftrag zwischen Unterstützung und Kontrolle von Familien breit angelegte Unterstützung seitens der Leitungsebenen der Jugendämter und Bezirke sowie der Politik. Sie benötigen fachliche Standards, die helfen, die Arbeit sinnvoll zu strukturieren und die Ressourcen, um entsprechend dieser Standards arbeiten zu können.
Derzeit befindet sich die Hamburger Jugendhilfepolitik auf einem gefährlichen und langfristig kostenintensiven Weg der dringend der Umsteuerung bedarf.