Stellungnahme des DBSH zur aktuellen Situation des Hamburger ASDs

Die Entwicklung des Hambuger ASDs wird vom Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) mit Besorgnis beobachtet. Die Belastungen, denen die dort arbeitenden Fachkräfte ausgesetzt sind, übersteigen bei schlechter Bezahlung das Ausmaß an real zu leistender Arbeit.
Neue Entwicklungen gehen aus Sicht des DBSH zwar fachlich in die richtige Richtung, ignorieren aber die Tatsache, dass Kinderschutz, welcher aufgrund des staatlichen Wächteramtes Hauptaufgabe des ASDs ist, vor allem qualifizierte und mit entsprechenden Ressourcen ausgestattete Fachkräfte braucht. Der Hamburger ASD hat sich auf den Weg gemacht, die MitarbeiterInnen fachlich gut auszustatten und entsprechend moderner Methoden Sozialer Arbeit flächendeckend zu qualifizieren. Mit einer neuen Software soll die fachliche Arbeit optimal unterstützt werden. Dadurch dass alle MitarbeiterInnen aus allen 7 Bezirksämtern verpflichtend geschult werden, soll erreicht werden, das Hamburg-einheitlich nach den selben hohen Standards Familien beraten und unterstützt werden. Soweit, so gut.
Wie aber sieht die derzeitige Realität in den meisten ASD-Dienststellen aus?

Die Aufgaben, denen sich ASD-MitarbeiterInnen im beruflichen Alltag stellen, sind komplex. Voraussetzungen, welche Fachkräfte mitbringen müssen, um die Arbeit bewältigen zu können sind fachliche Kompetenz, Professionalität und Stressresistenz. Trotzdem die meisten KollegInnen diese Voraussetzungen erfüllen, arbeiten sie ständig am Rand der Überlastung oder darüber hinaus. Besserung ist trotz vielfacher Gespräche und Vorschläge sowie eines umfangreichen Organisationsentwicklungsprozesses leider nicht in Aussicht. Die Situation in den Dienststellen hamburgweit ist zwar regional unterschiedlich, insgesamt aber überwiegend alarmierend. Die Bezirke haben ihren Willen bekundet, freiwerdende Stellen im ASD im Gegensatz zu anderen Bereichen der Verwaltung umgehend nachzubesetzen. Leider mangelt es an geeigneten Fachkräften, die für das Gehalt bereit sind, die Verantwortung, die Fachkräfte im ASD aufgrund des staatlichen Wächteramts in hohem Maße tragen, auf sich zu nehmen, so dass die Nachbesetzung von Stellen oft Monate dauert.
Die Bezahlung ist ein Grund, warum vor allem junge KollegInnen, die neu im ASD anfangen, schnell andere berufliche Perspektiven suchen, wo sie zwar vielleicht das gleiche Gehalt, dafür aber weniger Stress haben. Hinzu kommt, dass im Hamburger Umland ein anderer Tarifvertrag gilt, nachdem Sozialarbeiter, die das Wächteramt wahrnehmen bis zu 300 € netto mehr verdienen.
KollegInnen, die länger dabei sind, stöhnen aufgrund der ständig steigenden Anforderungen, die sich zum Einen durch die nach oben offenen Fallzahlen, zum anderen durch die Komplexität der Problemlagen sowie immer wieder neu eingeführter Standards zur Bearbeitung dieser Probleme, ergeben. Ein Resultat der ständigen Überlastung sind hohe Krankheitsquoten, die wiederum zu Mehrbelastung bei den anwesenden KollegInnen führen.

Kinderschutz ist ein in der Öffentlichkeit mittlerweile sehr präsentes Thema, was auf der einen Seite gut ist, für die Arbeit des ASD jedoch den Druck erhöht.
Die tragischen Fälle wie Lara, Jessica und Kevin haben jedes Mal auf Seiten der Behörden dazu geführt, neue Formen der Absicherung einzuführen, was in der Regel mehr Bürokratie bedeutet. Solange neben den erhöhten Standards bzw. Anforderungen an Dokumentation nicht auch die Ressourcen des ASDs erhöht werden, ist aus Sicht des Berufsverbandes mindestens zweifelhaft, ob höhere Standards zu mehr Kinderschutz führen. Unzweifelhaft dient eine gut geführte Akte der Absicherung des Amtes gegenüber der kritischen Öffentlichkeit. Damit die Standards tatsächlich höheren Schutz für Kinder bewirken, braucht es jedoch vor allem Zeit der ASD-MitarbeiterInnen, um im Kontakt mit den Menschen die sie unterstützen und schützen sollen, Verbesserungen im Sinne funktionierender Familien zu bewirken. Da hierzu die MitarbeiterInnen im ASD keine Zeit haben, muss schnell auf die für die Stadt kostspieligen Hilfen zur Erziehung zurückgegriffen werden. Dass gute Arbeit im sogenannten Eingangsmanagement, ein funktionierendes Netzwerkmanagement und eine gute Fallsteuerung in der Lage wäre, die Kosten für Hilfen zur Erziehung zu reduzieren, ist den Fachkräften in den Jugendämtern auf allen Ebenen klar. ASD-Fachkräfte würden diese Arbeit auch gerne leisten, wenn sie dafür die zeitlichen Ressourcen hätten. Die Realität des Alltages sieht aber leider so aus, dass Fachkräfte im ASD Standards guter Diagnostik, Netzwerkarbeit und bei Bedarf Fallsteuerung leisten sollen, dass die laut Vorgaben korrekte Bearbeitung und Dokumentation eines Falls jedoch nur dann zu leisten wäre, wenn die Fallzahlen auf 27 Fälle begrenzt wären. Dieser Richtwert wird laut Professor Dr. Christian Schrapper, der das Instrumentarium für Diagnostik und Fallführung im Hamburger ASD einführt und begleitet als bewährt empfohlen. Eine Fachkraft im ASD ist – mit regionalen Unterschieden jedoch für 50 bis 80 Fälle zuständig.
Die Begrenzung der Fallzahlen auf 27 Fälle stellt für den DBSH-Hamburg eine absolute Notwendigkeit dar. Wenn der ASD dementsprechend personell ausgestattet ist, ist er auch in der Lage effizient und nach den vorgegebenen Standards zu arbeiten. Ein Rückgang der HzE-Zahlen und damit der Kosten ist dann wahrscheinlich. ASD-MitarbeiterInnen hätten dann Zeit, mit ihren betreuten Familien in Beziehung zu gehen, was Bedingung für erfolgreiches Case-Management ist, sie hätten wahrscheinlich auch noch Kapazitäten, Netzwerke zu erschließen und diese für Klienten nutzbar zu machen.

Dass Gesetze zur Deckelung von Fallzahlen möglich sind, zeigt das neue Vormundschaftgesetz. Maximal 50 Mündel dürfen die KollegInnen von den Amtsvormundschaften (AV) künftig betreuen und sind verpflichtet diese in ihrer Lebenswelt monatlich aufzusuchen. Die Tendenz stimmt, auch wenn 50 Fälle in diesem Bereich immer noch viel zu viel sind. 2-3 Hausbesuche am Tag plus den Verwaltungsanteil, Gerichtsverfahren, etc. sprengen auch hier den Rahmen des Machbaren.
Dieses neue Gesetz hat zudem zur Folge, dass reichlich neue Stelle mit E10 geschaffen werden müssen und bereits jetzt allein in Hamburg über 40 volle, unbefristete Stellen geschaffen wurden. Wo ein Wille ist, ist also auch ein Weg!
Es ergibt sich allerdings auch das Problem, dass diese Stellen sicherlich die letzten willigen ASD-BewerberInnen auf sich ziehen werden, was eine Nachbesetzung der offenen ASD-Stellen noch schwieriger gestalten wird.

Der DBSH-Hamburg hält deshalb an seinen bisherigen Forderungen fest:

  • Eingruppierung aller MitarbeiterInnen im ASD auf TV-L E11!
  • Deckelung des Fallaufkommens auf maximal 27 Fälle und Schaffung der entsprechenden personellen Ressourcen!
  • Angemessene räumliche Ausstattung aller ASD-Abteilungen, hierzu gehören Einzelbüros für alle MitarbeiterInnen, die der Intimität und Intensität der Arbeit entsprechen!
  • Die Wahrung der Menschenwürde ist das oberste Arbeitsprinzip!
  • Definition und Weiterentwicklung von fachlichen Standards. Dies erfordert die regelmäßige Weiterbildung und Schulung aller Fachkräfte!
  • Regelmäßige Gruppen-, Fall- und Einzelsupervision für alle Mitarbeitenden im ASD!
  • Initiierung, Aktivierung, Mitwirkung, Überprüfung neuer und bereits bestehender Netzwerke als Regelaufgabe des ASD. Diese sollen für die Klienten Nutzbar sein!
  • Der ASD braucht mehr Ansehen in der Öffentlichkeit und braucht hierfür Unterstützung durch Kommunal- und Landespolitik!
  • Konstruktiver Austausch der Hochschulen mit dem ASD. Ziel ist einerseits das Interesse am Arbeitsfeld bei den Studierenden zu wecken und andererseits die Möglichkeit zu bekommen, das Arbeitsfeld ASD wissenschaftlich zu reflektieren!


Solange diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, greifen weder Schulungen noch einheitliche Standards oder teure Software.
MitarbeiterInnen werden sich weiter oder vielleicht sogar mehr als bisher nach neuen beruflichen Perspektiven mit weniger Stress und Verantwortung umsehen oder krank werden bzw. bleiben.
Die Konsequenz sind weiter steigende HzE-Zahlen und Standards, die aufgrund nicht vorhandener Ressourcen bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt werden. Schade!!!

Für den Landesvorstand Hamburg

Siggi Zielke und Florian Wolff