Statement Bundesfachgruppe Jugendhilfe zum „Super-ASD“

Die nachfolgende Stellungnahme hielt Michael Böwer als Fachbereichsleiter des Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe zur Eröffnung des ASD-Bundeskongress vom 24. bis 26. November 2010 in Hamburg. Mehr dazu auch hier :

Hamburg sucht händeringend Sozialarbeiter, die im ASD arbeiten wollen. Wen wundert`s? Kolleginnen und Kollegen und Absolventen der Sozialen Arbeit wandern ins Hamburger Umland ab, weil sie dort bis zu 300 Euro Brutto mehr verdienen. Ähnlich geht es denen in Bremen und Berlin – es gelten andere Tarifwerke. Und anderorts, hört man, windet sich man sich hin und her, nach Entgeltgruppe S 14 zu zahlen, wie sich gehört. Viele Neueingestellte haben dem ASD bereits wieder den Rücken gekehrt. Es braucht dringend Schritte, die der Personalfluktuation entgegen wirken.

Hamburg sucht weiter nach einem besseren Kinderschutz. Wen wundert’s? Offenbar ist es selbst dem Sozialsentor entgangen, dass ein ASD eine Kindeswohlgefährdung am besten vor Ort einschätzen kann und dazu Hausbesuche braucht. Sie streichen zu wollen, wie der NDR dieser Tage berichtet, ist nicht nur grober Unfug, dies ist geradezu ein Gesetzesverstoß – im SGB VIII steht nichts von Risikoabwägung nach Aktenlage! Was für ein Signal an die Mitarbeiter, die nach Kräften versuchen, aus Fällen wie Jessica (2004) und Lara-Mia (2009) zu lernen.

Hamburg möchte die Budgets begrenzen. Da ist es nicht allein – ich komme aus Bremen, da versucht man es dieses Jahr mit einer prozentualen Ziffer, die den maximalen Fallanstieg festsetzen soll. Alle zeigen sich zuversichtlich, dass das klappt. Der ständige Blick auf die Kosten aber, dies zeigt letztlich auch bei uns in Bremen gerade erst erschienene Kinderschutzbericht, verstellt den Blick auf die Einzelfälle – der Untersuchungsbericht im Fall Kevin zeigt dies vielfach. Und bei allen Worten: ASD ist mehr als nur Kinderschutz – nur woher nimmt er die Zeit dazu? M.E. braucht es auch im ASD eine bundesweite Fallzahlobergrenze – wie sie ja derzeit für die Vormünder diskutiert wird. Das das teurer wird für die Kommunen, ist eine bittere Pille. Ihre Finanzlage muss auf anderer Ebene verbessert werden als auf dem Rücken der Beschäftigten. Gute Sozialarbeit ist jedenfalls nicht für Lau zu haben.

Der Super-ASD kann nicht alles regeln, er kann nicht alles leisten und er kann vor allem auch nicht alles aushalten. Aber Sie können etwas beitragen, dass Fachlichkeit vermittelt wird und wir als Bürger können vielleicht nicht nur Schulreformen stoppen, sondern auch irrlichternde Sozialsenatoren* – So mangelt es, derzeit vielfach am richtigen Maß, am richtigen Ton und vielleicht auch an den nach außen sichtbar werdenden Superkräften des ASD.

Michael Böwer
Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe
Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V.

Stellungnahme hier veröffentlicht.

* Nach dem ‚Aus‘ der Hamburger Regierungskoalition wenige Tage nach Kongressende hat sich diese Aufforderung vorläufig selbst erledigt.

Anmerkungen:

Informationen des DBSH-Landesverbandes Hamburg zur Arbeitssituation und zum von dort mit unterstützen Vernetzungskreis ASD incl. dessen Brief an Bürgermeister v. Beust v. 10.2.2010 mit Forderung nach genereller Höherstufung v. E9 auf E11.

Seit 2007 60% der Stellen neu besetzt, 7% neu eingstellten MA im ASD gingen 2009 wieder; 20 von 300 Stellen vakant in 11/2009. (Angaben d. Vernetzungskreises Hamburger ASD-Mitarbeiter v. 3.3.2010)

Aus dem Jahresbericht 2008 der Bezirksämter zum Kinderschutz geht hervor, dass die Verdachtsmeldungen zu Kindeswohlgefährdungen im Jahr 2008 um 38 % zugenommen haben. Die Verfügung von Einzelfallhilfen/Familienhilfen durch den ASD stiegen im Jahr 2008 um 15 %. Für die Einrichtung einer solchen Hilfe sind umfangreiche Vorarbeiten notwendig. Nachdem die Hilfe eingerichtet ist, ist der ASD für die korrekte Durchführung der Hilfe weiter verantwortlich.

2008 lebten in Hamburg 26 % der Kinder unter 7 Jahren ganz oder teilweise von staatlicher Unterstützung zur Armutsvermeidung, hauptsächlich von Leistungen nach SGB II („Hartz IV“). Am höchsten war die Quote im Bezirk Hamburg-Mitte mit 43 %, im Bezirk Harburg betrug sie 35 %.“ (Statistisches Amt, 27.10.2009)