Workshop-Bericht: Supervision im ASD als Kraftquelle, Krisenintervention und Qualitätsmerkmal

zum Bundeskongress ASD vom 24. – 26.11.2010 in Hamburg „Anspruch und Alltag verbinden – der Super – ASD“ von Karin Wisch

Supervision im ASD als Kraftquelle, Krisenintervention und Qualitätsmerkmal

Der Tagungstitel mit dem Spagat von Anspruch und Alltag sowie dem Wunsch einen krisenhaften Arbeitsplatz SUPER auszufüllen drängte mich dazu, ein Workshop-Angebot zum Thema Supervision zu machen. Ich bin sicher, dass regelmäßige systemische Supervisionsangebote den Kollegen und Kolleginnen helfen, mit diesen Anforderungen von Seiten des  Gesetzes, der Ethik, von den Kunden, dem Kindeswohl und von sich selbst  zu entsprechen. Systemische Supervision hilft wieder einen klaren Kopf zu bekommen, die Belastung in Grenzen zu halten und schneller Entscheidungen zu treffen. Der systemische Ansatz ist unverzichtbar, da die Entscheidungsprozesse so komplex sind und die Kunden optimal eingebunden werden müssen. Im Folgenden finden Sie den Bericht über Inhalte und Ergebnisse des Workshops.

1. Einleitung
Die besonderen Belastungen im ASD sind anerkannt: hohe Fallzahlen, Anlaufstelle für Problem-Familien, hoheitliche Aufgaben, Balance zwischen Kontrolle und Beratung, Entscheidungen zur Kindeswohlgefährdung und dazu noch öffentliche Kritik. Was hilft? Mein Vorschlag ist: systemische Supervision!
Systemische Supervision ist eine Kraftquelle für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sie hilft als Krisenintervention bei schwierigen Entscheidungsprozessen und wirkt außerdem als Qualitätsmerkmal nach Außen.
Das kann gelingen: Voraussetzungen und Rahmenbedingungen im Arbeitsalltag werden in diesem Workshop praxisnah und ergebnisorientiert  in den Blick genommen.

Was ist Supervision?

Supervision ist eine professionelle lösungsorientierte Unterstützung für Menschen in ihren beruflichen Fragen und Entscheidungen.

Ziel der Supervision ist  die Erweiterung  von Sichtweisen und Handlungskompetenzen, sowie die Entwicklung von Perspektiven.
Arbeitszusammenhänge werden mit Wertschätzung aller Beteiligten beleuchtet und deren Eigenverantwortlichkeit gestärkt.
Neugier für andere Sichtweisen und Wege wird geweckt.
Eigene Ressourcen werden genutzt. Damit entsteht Entlastung im Arbeitsalltag, Qualifizierung und eine Verbesserung der Arbeitsatmosphäre.

Es gibt drei Auftragsvarianten für Supervision:
– Fallsupervision: Wie sehen wir die Themen der Klienten? Welche neuen Perspektiven sind denkbar? Welche Ressourcen sind bei Sozialpädagogen und den Klienten vorstellbar und aktivierbar?
– Teamsupervision: Welche expliziten und impliziten Regeln bestimmen die Zusammenarbeit? Welche Werte sind die Grundlagen der Zusammenarbeit?  Welchen Kooperationsstil hat das Team? Welche Rollen werden den Kollegen zugeschrieben?
– Konfliktmanagement: Welche offenen und verdeckten Konflikte bestimmen die Teamdynamik? Wie können sie zum konstruktiven Handeln geführt werden?

Was ist systemisch?
Die Wurzeln systemischen Denkens  und Handelns sind in  systemtheoretischen, kommunikationstheoretischen und konstruktivistischen Ansätzen zu finden, die über Jahrzehnte entwickelt und modifiziert wurden. Dieser Entwicklungsprozess ist nicht abgeschlossen.
Ein wesentliches gemeinsames Anliegen ist die Komplexität bei Menschen und in Organisationen besser zu verstehen und verständlich zu machen.

Die allgemeine Systemtheorie geht davon aus, dass jeder lebende Organismus und jede Organisation ein offenes System ist, das in sich und mit seiner Umwelt in einem energetischen Austauschprozess steht. Ereignisse werden nicht isoliert, sondern nur in ihrer Struktur und Funktion eingebettet betrachtet. Sie sind z.B. bestimmt von den eigenen Regeln, Grenzen, Hierarchien und Koalitionen sowie der ihres Umfeldes. Auch die Systemische Denkweise ist ein offenes System, das ständig Veränderungen und Neuerungen erlebt.
Die Kybernetik erster Ordnung geht davon aus, dass die Systeme mit ihren Strukturen und Funktionen zielgerichtet regelbar und steuerbar sind. Ziel ist dabei die Erhaltung des Gleichgewichts durch Information, die Abweichung anzeigt und Korrekturen in Richtung des Sollzustandes einleitet. Diese Herangehensweise erwies sich bei der Beschreibung menschlichen Verhaltens als zu einschränkend.
Kybernetik zweiter Ordnung stellt eine Weiterentwicklung dar und sieht die Zirkularität als zentrales Prinzip. Das heißt, dass jede Beobachtung, die von einem Beobachter gemacht wird, auch vom Beobachter selbst beeinflusst wird. Und auch der dritte Beteiligte, z.B. ein ASD Mitarbeiter, der die Interaktion der ersten Beiden beobachtet, sieht sein persönlich geprägtes Bild der Situation, kann jedoch zusätzlich den zweiten Beobachter befragen, was er beobachtet hat. Auch der Beobachtete ist gleichzeitig ein Beobachter der Geschehnisse. Die „objektive“ Welt wird von den Beobachtern erfunden, Wirklichkeitskonstruktionen entstehen. Dies wird besonders relevant, wenn es um „Problemdefinitionen“ geht.
Menschen sind keine Maschinen, sie sind nicht instruierbar und entscheiden letztlich selbst über ihr Handeln.
Betrachten wir die Kommunikationstheorie, finden wir folgende fünf Grundannahmen:
1. Man kann nicht nicht kommunizieren
2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt
3. Kausalketten in Kommunikationsabläufen sind schwer auflösbar, z.B. wer begann den Streit?
4. Menschliche Kommunikation gelingt gut, wenn der Inhalt mit Mimik, Gestik und Tonfall übereinstimmt
5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe  sind entweder symmetrisch (gleichwertig) oder komplementär (ergänzend), je nachdem ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.
Der soziale Konstruktivismus geht davon aus, dass nicht das Denken, sondern die Kommunikation darüber im Mittelpunkt steht. Durch Kommunikation entsteht Realität. Nichts von dem was ich sage und nichts was ich tue ist vollständig ohne mein Gegenüber. Menschen, die „A“ in sich haben, haben auch immer „B“ in sich, wie wenig dies auch sein mag. Der Dialog wird zur Methode. Erkennen, Kommunizieren und Handeln sind soziale Ereignisse, die nicht trennbar sind von gesellschaftlichen, historischen und aktuellen Rahmenbedingungen.
In aller Kürze sind dies einige der Wurzeln, die bisher das systemische Denken und die systemische Supervision geprägt haben. Sie helfen, Verständnis für Prozesse in Menschen und zwischen ihnen etwas besser zu verstehen. Sie zeigen auch, dass wir andere Menschen nicht mit Macht verändern können. Wir können jedoch in Beziehung mit ihnen treten, sie mit Neugier und Wertschätzung befragen. Unsere Gedanken in diesem Vorgang sind Hypothesen, die es zu überprüfen gilt. Alle im Raum befindlichen Menschen mit ihren Hypothesen sind eine Bereicherung und bringen Veränderungsprozesse in Gang.
Aus dieser inneren Haltung haben sich unter anderem folgende systemische Methoden entwickelt:

  • Hypothesenbildung
  • Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion
  • Zirkuläre Fragen
  • Visualisieren / Aufstellen
  • Metaphern und Geschichten erzählen
  • Reflecting Team

2. Vorstellung supervisorischer Anliegen
Die Einleitung hatte die Aufgabe, die aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands, mit unterschiedlichsten theoretischen und praktischen Erfahrungen ausgestatteten Teilnehmerinnen, auf eine gemeinsame Haltung einzustimmen.
Im Anschluss brachten die Teilnehmerinnen Fragestellungen aus ihrem Arbeitsalltag ein, für die wir gemeinsam neue Blickwinkel und Lösungen fanden. So konnten alle Teilnehmerinnen praktisch systemische Supervision gemeinsam erleben.
3. Abschlussrunde
Einige Voten aus den Abschlussrunden:

  • Regelmäßige externe Gruppensupervision im ASD ist unverzichtbar, in einigen Teams Pflicht.
  • Einzelsupervision muss darüber hinaus angeboten werden.
  • Kollegiale Teamberatung braucht besondere Strukturen, um „aus dem Hamsterrad auszusteigen“, z.B. Fortbildung in kollegialer Supervision.
  • ASD Belastung sind nicht unbedingt die Fälle, sondern der Druck von Fülle und Verantwortung. Um diese zu sortieren und für mehrere Mitarbeiterinnen gleichzeitig Entlastung zu schaffen, ist externe Gruppensupervision effektiv.
  • Eine Fallbesprechung in 20 Minuten wird als Verlangsamung erlebt.
  • Handlungsperspektiven werden in Gruppensupervisionen besonders erweitert.
  • Junge engagierte Kolleginnen, die nach den ersten Monaten im Praxisschock landen können und ältere Kolleginnen, deren Frustration wächst, erleben in Supervisionsprozessen Entlastung und bekommen mehr Mut für  Entscheidungen. Die Folge ist ein erheblicher Zeitgewinn.
  • Supervision ist effektiv durch modellhafte Entscheidungswege und Entlastung von mehreren Kolleginnen gleichzeitig.
  • Supervision ist Gesundheitsprävention
  • Externe Supervision ist auch sinnvoll bei Mitarbeiterinnen aus verschiedenen ASD Teams.
  • Supervision muss bereits im Studium ein selbstverständlicher Bestandteil der Praxisphase sein.

Literatur:
Andrea Ebbecke-Nohlen: Einführung in die systemische Supervision
Kenneth J. Gergen, Mary Gergen: Einführung in den sozialen Konstruktivismus
Johannes Herwig-Lempp: Ressourcenorientierte Teamarbeit
Manfred Prior: MiniMax-Interventionen
Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung